Der Heilige Geist und die KI

Nachricht 20. Mai 2026

Editorial von Dr. Gäfgen-Track zum Newsletter der Konföderation

Dr. Kerstin Gäfgen-Track. Foto: Jens Schulze

Vor einigen Wochen war ich überrascht und befremdet zugleich, als mir Kolleginnen und Kollegen sagten, ich solle doch den gemütlichen Teil der Tagung nicht schon verlassen, um noch eine Andacht für den nächsten Tag zu schreiben. Ich könne doch die KI nutzen. Ein paar Überlegungen eingeben, die Künstliche Intelligenz machen lassen und dann noch mal drübergehen, ob es so passt oder wenn nötig, noch etwas ändern. Die Zeitersparnis sei enorm.

Ich habe noch nie eine Andacht – oder einen anderen Text – mit KI generiert oder mir auch nur Anregungen geben lassen. Ein Glas weniger trinken, mich hinsetzen und etwas selbst schreiben, ist vielleicht anstrengend, aber es ist dann „meine“ Andacht oder „mein“ Text. Selbst überlegen, welche Botschaft im Sinne des Evangeliums ich in einer Andacht genau für eine bestimmte Situation weitergeben will oder was ich in einem Referat oder Vortrag zu einem aktuellen gesellschaftlichen und/oder kirchlichen Thema sagen will. Ich brauche die Auseinandersetzung mit einem biblischen Wort, das Nachdenken über ethische Fragen, die gedankliche Auseinandersetzung. Das, was ich formuliere, kann nicht einfach zu verstehen sein, bruchstückhaft, zum Widerspruch herausfordernd. Das kann und will ich auch nicht an die KI delegieren. Aber ich schöpfe es natürlich nicht allein aus mir selbst, sondern lese und höre, fühle und rieche, nehmen Gedanken auf, höre andere Andachten, Vorträge, lebe von Begegnungen und Erfahrungen. Bin ich zu idealistisch, zu sehr von mir überzeugt?

Mit KI kann man auch Mails und Briefe entwerfen, Protokolle schreiben lassen, Texte in Power Points verwandeln, beliebige Fotos zur Selbstinszenierung erstellen nach dem Motto „Ich war auf dem Kilimandscharo“. Über die KI kann man jede Menge Infos holen, allerdings sind rund ein Drittel dieser Infos wissenschaftlichen Studien zufolge falsch. KI baut, wenn man es will, kleine Fehler ein, damit andere nicht merken, dass es ein KI generierter Text ist. Mit KI wird das Leben scheinbar leichter, die Arbeit einfacher und das Denken weniger anstrengend. Ein Schüler, 10. Klasse, hat in aller Schärfe erklärt: „Klar nutze ich KI und viele andere auch, aber am Ende verblödet die Gesellschaft und ich auch, wenn wir nicht mehr selbst denken.“  Was heißt das für unsere Arbeit, wenn, ohne dass es jemand weiß, das Protokoll, die Mail, den Vermerk oder – wer weiß – dieses Editorial die KI geschrieben hat – muss man es zumindest mitteilen? Was habe ich da eigentlich auf dem Schreibtisch, in der Mail, höre ich den Algorithmus in einem Editorial, einem Referat oder einer Andacht?

Denn die KI ist ein Algorithmus, nichts als Zahlen, kalt, herzlos, gefüttert mit Gedanken von Millionen von Menschen, oft, ohne dass sie es merken. Bücher, Texte, was immer die KI in die Finger bekommt, verleibt sie sich ein und man kann sich nicht dagegen wehren. Die KI nutzt es und die dahinterstehenden Unternehmen nutzen es aus. Sie betreiben den kompletten Raub geistigen Eigentums und verdienen damit Milliarden. Vertrauliche Nachrichten, Persönliches oder Intimes, nichts ist vor ihnen sicher.

Sicher bin ich mir, dass nichts über genuin menschliche Worte und Taten, über reale Gespräche und Begegnungen geht: ein Blick, ein Atemzug oder ein Wort, wenn ein Mensch genau in einem bestimmten Augenblick damit etwas ausdrückt, was andere anrührt, bewegt, beflügelt. Algorithmen der Künstlichen Intelligenz können das nicht: einen lebendigen und offenen Dialog führen.

Zu einem solchen lebendigen und offenen Dialog über die Unverzichtbarkeit von Demokratie, Recht und Frieden wollen die Leitenden Geistlichen in Niedersachsen und Bremen mit ihrem Statement zu Demokratie und Menschenwürde auf allen Ebenen von Kirche und Gesellschaft anregen und die individuelle Urteilsfähigkeit stärken. Das Lesen und Mitdenken lohnt sich.   

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"Das kann und will ich nicht an die KI delegieren“