Ex-Staatsminister Roth mahnt Kulturwandel in der Politik an

Nachricht 10. September 2026

SPD-Politiker sprach auf dem Jahresempfang der schaumburg-lippischen Landeskirche

Ex-Staatsminister Michael Roth. epd-Bild: Ali Arslan

Bückeburg, Bad Hersfeld (epd). Der frühere Staatsminister und SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth mahnt nach seinem Abschied aus der Bundespolitik einen sensibleren Umgang mit Überlastungen und psychischen Erkrankungen an. „Wollen wir wirklich einen Politikbetrieb, in dem nur noch diejenigen überleben, die ein extrem dickes Fell haben?“, sagte der 56-Jährige dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Politik müsse wieder Räume für sensiblere Menschen öffnen. Roth äußerte sich vor dem Jahresempfang der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe am Donnerstag im niedersächsischen Bückeburg. Dort sprache der 56-Jährige am Abend.

Roth, der 27 Jahre lang im Bundestag saß und zuletzt den Auswärtigen Ausschuss des Bundestages leitete, blickte auf seine eigene Depressionserkrankung zurück. „Ich war wie ein Zirkuspferd in der Manege: Wenn ich dort stand, habe ich performt“, sagte der Politiker über sein langes Funktionieren im Amt trotz schwerer Erschöpfung. Sobald er die berufliche Bühne verlassen habe, sei im Alltag jedoch kaum noch etwas gegangen: „Ich habe mich zeitweise wie ein Zombie gefühlt: Ich habe zwar existiert, aber nicht mehr wirklich gelebt.“ Zu einem erfüllten Leben gehöre mehr, als nur ein Programm abzuspulen.

Eisige Stimmung in der Fraktion

Politik an sich mache zwar nicht krank. „Aber die Art, wie wir sie zurzeit betreiben“, betonte Roth. Natürlich brauche ein Politiker ein stabiles Nervenkostüm: „Das ist kein Zuckerschlecken.“ Streit gehöre dazu, doch Hass, Wut und Aggressionen reichten mittlerweile bis ins Private hinein. Jeder kleine Fehler werde sofort skandalisiert: „Es fehlt an Nachsicht und Gelassenheit.“ Betroffenen wolle er Mut machen, sich frühzeitig der Krankheit zu stellen, um wieder ein besseres Leben führen zu können.

In den führenden Gremien der eigenen Partei habe er während der Debatten über militärische Hilfen für die von Russland angegriffene Ukraine am Ende wenig Rückhalt gespürt. „Der Gang in die Fraktion fühlte sich manchmal an, als würde man den Kühlschrank öffnen“, sagte der SPD-Politiker. Zudem sei ihm damals fälschlicherweise egozentrische Profilierungssucht unterstellt worden.

Nicht über jeden Firlefanz streiten

Mit Blick auf die Zukunft warnte Roth vor einer Gefährdung der liberalen Demokratie, wenn Parteien wie vor Jahrzehnten agierten und Nebenschauplätze aufbauschten: „Wir sollten nicht über so viel Firlefanz streiten.“ Eine Rückkehr in Spitzenämter schloss er für die Gegenwart aus. Er betonte jedoch: „Wir sollten Politik flexibler betrachten - wie Busfahren, wo man einsteigen, wieder aussteigen und vielleicht auch mal wieder einsteigen kann.“

epd

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