Kirche ohne Kirchtumdenken

Nachricht 31. Juli 2026

Landeskirche Braunschweig wagt EKD-weit größte Strukturreform

Die Pastorin Tanja Klettke, der Kirchenvorstandsvorsitzende Thomas During und die Pastorin Carina Vornkahl (v.l.) von der Gemeinde "Trinitatis an der Aller" bei Wolfsburg. epd-Bild: Joachim Thies.

Braunschweig, Wolfsburg (epd). Pfarrerin Tanja Klettke steht im schwarzen langen Talar vor dem Altar und strahlt: „Ich konzentriere mich wieder auf das, wofür ich vor 24 Jahren einmal angetreten bin“, sagt die 54-Jährige. Statt sich mit Gebäude- und Personalfragen zu beschäftigen, habe sie endlich wieder ausreichend Zeit für Gottesdienste, für Seelsorge-Gespräche oder die Kinderkirche. Vor gut einem halben Jahr schlossen sich 14 Gemeinden im Wolfsburger Stadtteil Vorsfelde zur ersten großen Regionalgemeinde der braunschweigischen Landeskirche mit rund 17.500 Gemeindemitgliedern zusammen.
In den kommenden Jahren stehen ähnliche Zusammenschlüsse für alle Gemeinden der braunschweigischen Landeskirche an. Mit dieser Strukturreform gilt die Kirche zwischen Harz und Heide bundesweit als Vorreiter. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen und Finanzmittel hatte das Kirchenparlament im vergangenen Jahr unter anderem beschlossen, dass die derzeit elf Propsteien bereits zum Januar 2027 zu vier größeren Kirchenbezirken fusionieren sollen. Die Zahl der Kirchengemeinden soll sich in vier Jahren von derzeit mehr als 230 Gemeinden auf maximal sechzehn größere Zusammenschlüsse mit mindestens 10.000 Gemeindemitgliedern reduzieren.

Elf Jahre ohne Pfarrer

Vorsfelde in Wolfsburg ist bislang der erste große Zusammenschluss. Zum Jahresanfang wuchs der Kirchenvorstand auf mehr als 100 Mitglieder an, denn bis zur nächsten Wahl bleiben alle bisherigen Vorstandsmitglieder im Amt. Vorsitzender der neuen Gemeinde „Trinitatis an der Aller“ ist Thomas During. Elf Jahre hatte seine frühere Ortsgemeinde keine Pfarrperson mehr. Im Ort haben Laienprediger die Gottesdienste übernommen. „Das ging auch gut, aber jetzt sehen die Menschen wieder regelmäßig hauptamtliche Pfarrpersonen in ihrer Kirche.“
Das überzeugt den Kirchenvorstand Gerhard Schwetje im etwa 50 Kilometer entfernten Ort Cramme bei Salzgitter nicht. Er führt eine Gruppe von Kritikern gegen die beschlossene Reform an, die sich „inzwischen im dreistelligen Bereich“ bewege. Schwetje, auch Präsident der Niedersächsischen Landwirtschaftskammer, ist der Ansicht, dass Kirchengemeinden mit der Reform ihre Autonomie verlieren. Er ist stolz darauf, dass die Crammer Gemeinde seit 450 Jahren selbstständig ist: „Die Kirche soll im Dorf bleiben.“

Gemeinde ohne Friedhof

Die Hälfte der rund 800 Einwohner in Cramme gehört der evangelischen Kirche an. Das kirchliche Leben sei geprägt von Ehrenamtlichen, die „selbst gestalten und sich vor Ort wählen lassen wollen“. Für viele alltägliche Fragen, etwa mögliche Reparaturen an den Gebäuden, werde es künftig vielleicht keine Ansprechpartner mehr vor Ort geben. Womöglich werde auch der Friedhof aufgelöst, befürchtet Schwetje. „Wenn das kirchliche Leben hier kaputtgeht, ist es auch schwierig, wieder zu heilen.“
Für den kirchlichen Organisationsexperten Steffen Bauer aus Heidelberg ist es völlig normal, dass es bei solchen Prozessen auch Kritiker gibt. „Es gibt keine Veränderung, ohne eine Minderheit, die dagegen ist.“ Diese Minderheit im Braunschweiger Land mache deutlich, worum es der Kirche im Wesentlichen gehen müsse: „Dass das Beziehungsgeflecht vor Ort in irgendeiner Form bestehen bleibt.“

Perspektive bis 2040

Für Bauer, der seit Jahren die jeweiligen Reformpläne der 20 Landeskirchen analysiert, ist klar, dass die braunschweigische Landeskirche im bundesweiten Vergleich die am weitesten reichenden Beschlüsse für die Zukunft gefällt hat. Besonders daran sei, dass das Kirchenparlament die Entscheidung nicht aus der Not heraus getroffen habe, sondern finanziell gut aufgestellt sei. „Das finde ich einzigartig.“ Während im Land zwischen Harz und Heide schon lange eine kirchliche Perspektive bis zum Jahr 2040 entworfen wurde, seien andere Kirchen gerade dabei, diese Zukunftspläne zu erarbeiten.
Aus Sicht von Carsten Schillert, Kirchenvorstandsvorsitzender aus Delligsen im hügeligen Harzvorland, bleibt trotzdem keine Zeit. „Die Veränderungen wie fehlendes Personal und sinkende Finanzmittel kommen in rasender Geschwindigkeit auf uns zu.“ Vor 15 Jahren noch wäre es undenkbar gewesen, kirchliche Zukunft über die eigenen Ortsgrenzen hinauszudenken, sagt Schillert. Doch die Situation habe sich drastisch verädenrt. „Wir würden die kirchlichen Aufgaben in den alten Strukturen Kirchturm für Kirchturm und Dorf für Dorf nicht mehr schaffen.“

Busumbau während der Fahrt

Den Mangel kenne seine Gemeinde schon seit Jahrzehnten, daher sei absehbar, was auf sie zukomme. In einer solchen Situation berge die Abgabe von Aufgaben bei der Verwaltung oder im Gebäudemanagement viele Chancen. „Die wollen wir bestmöglich nutzen, damit eben in 30 Jahren hier noch Kirche vor Ort gelebt werden kann.“ Um diese Strukturen vorzubereiten, berät sich Schillert derzeit zweimal wöchentlich nach Feierabend in kirchlichen Gremien: „Wir können nicht noch einmal zwei Jahre warten“, betont er.
Auch in Vorsfelde bei Wolfsburg ist die Zeit der Veränderung erst einmal mit viel Arbeit verbunden: „Der Bus wird umgebaut, während er fährt“, beschreibt Propst Ulrich Lincoln die herausfordernde Situation. Gerade das gegenseitige Vertrauen der bislang eigenständigen Gemeinden, die nun ihr Geld in einen gemeinsamen Haushalt geben, musste geschaffen werden.

Per Zoom die Bischöfin fragen

Wir haben versucht, den Menschen ganz konkrete Beispiele zu nennen, um ihnen die Sorgen zu nehmen, berichtet Lincoln. „Wenn ein Ehrenamtlicher oder ein Küster einen Rasenmäher betanken muss, kann er das auch in Zukunft nach wie vor eigenständig und muss dafür keinen Antrag ausfüllen.“ Am Ende war eine große Mehrheit für die Großgemeinde. Die Folge: Nachwuchs-Pfarrkräfte wollen unbedingt dort arbeiten und es gibt wieder mehr Kraft und Ideen für kirchliche Veranstaltungen.
Auch die Landeskirche setzt mit offenen Informationsabenden in den Regionen einen Schwerpunkt auf die Kommunikation. Die neue Landesbischöfin Christina-Maria Bammel stellt sich bei „digitalen Sprechstunden“ per Zoom den Fragen zur Zukunft des Ehrenamts oder der Gemeinden vor Ort. Es sei ihr wichtig, nicht nur die Verluste, sondern auch den Veränderungen etwas abzugewinnen, betont die Theologin. „Wir müssen nicht gerade die Titanic vor dem Untergang retten, sondern überlegen, wie wir das Schiff weiter ausbauen können, damit es gut auf dem Wasser liegt.“

Charlotte Morgenthal (epd)