Sachlich bleiben! Ein Projekt hilft Schülern und Lehrer, über den Nahostkonflikt zu reden

Nachricht 12. Januar 2026

"Wir wollen Leuten, die Verluste erlitten haben, nicht vorschreiben, was sie zu fühlen haben"

Screenshot des GKiK-Lehrvideos "Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus" (Haus der Religionen, Hannover)

Der Nahostkonflikt findet auch in deutschen Schulen statt. Ein Projekt des Hauses der Religionen in Hannover will Schülern und Lehrern helfen, darüber zu reden: informiert und respektvoll.

Die beiden schenken sich nichts: „Du bist ein Rassist“, wirft das Mädchen in Hijab und Turnschuhen dem Jungen vor. „Sie hat mich Jude genannt und mich für die Politik Israels verantwortlich gemacht. Das ist antisemitisch“, schwärzt der Junge mit der Kippa sie im Gegenzug bei der Lehrerin an. Zugegeben: Der Dialog auf dem Schulhof hat so nie stattgefunden. Schon deswegen zeigt er keine typische Situation, weil jüdische Schüler eine kleine und oft gar nicht sichtbare Minderheit an niedersächsischen Schulen sind. Aber wenn man Nina Käsehage eine Weile zuhört, dann merkt man: Auch wenn der Streit der beiden Zeichentrick€guren erfunden ist, sind hier viele der echten Enttäuschungen, Diskriminierungserfahrungen und Vorurteile eingeossen, die sie und ihre Kollegin Hamideh Mohagheghi von Schülern gehört haben. Im Jahr 2025 haben die beiden Mitarbeiterinnen des „Hauses der Religionen” in Hannover eine Schule in Niedersachsen intensiv begleitet. Sie haben Interviews mit Schülern der Evangelischen IGS Wunstorf aus den Klassen fünf bis dreizehn geführt, ebenso wie mit Lehrern, die in ihrem Berufsalltag auf den globalen Konikt im Klassenzimmer stoßen.

Dementsprechend heißt auch das vom Niedersächsischen Kultusministerium geförderte Projekt „Der globale Konikt im Klassenzimmer (GKiK) ‑ Antisemitismus trifft auf antimuslimischen Rassismus“. Die beiden Religionswissenschaftlerinnen haben für Aha-Effekte gesorgt, indem sie ein „Tacheles-Gespräch“ an der Schule organisiert haben, bei dem eine Jüdin und ein Muslim über ihre Freundschaft berichteten. Denn die Alltagserfahrung der Jugendlichen ist oft eine andere: An konträren Positionen zum 7. Oktober 2023 und zum folgenden Gazakrieg sind Freundschaften zerbrochen. Eltern haben ihren Kindern verboten, Freunde zu treffen, deren Familien eine „falsche“ Einstellung vertraten. „Dieser Konflikt fi€ndet auch in Europa statt“, betont Käsehage. Ein Kind erzählte, es habe fünfzig Familienangehörige in Gaza an einem Tag verloren.

Hamideh Mohagheghi und Nina Käsehage standen jederzeit als eine Art Kriseninterventionsteam bereit, wenn es zu Konikten in der Schule kam. Zum Beispiel, als Schüler Rap-Songs in den Musikunterricht mitbrachten, die der Musiklehrerin antisemitisch vorkamen. Sie wünschte sich Unterstützung für die Diskussion, denn schließlich ist sie Fachfrau für Musik, nicht für Politik, Geschichte oder Religion. „Wir können nur ein Samenkorn säen“, sagt Nina Käsehage bescheiden. Manchmal reiche es schon, bei Vorurteilen und Falschinformationen zurückzufragen: „Woher hast du das?“ oder: „Würdest du Kritik an ‑ zum Beispiel ‑ Italien auch so formulieren wie gerade an Israel?“

Noch hilfreicher ist, eigenes Wissen zum Thema den Vorurteilen entgegensetzen zu können. Deswegen gab es zu Beginn und zum Ende des Projektes zwei Fachveranstaltungen, die auch von Lehrkräften anderer Schulen genutzt werden konnten. Zum Abschluss entstanden vier Videos mit den beiden Comic-Charakteren, die auf Youtube und im Unterricht weiterwirken sollen. Dass die qualitative Erhebung für das Projekt GKiK nur in einer Schule stattfand, war so nicht geplant. Aber nach anfänglichem Interesse von vielen Seiten erklärte sich schließlich nur eine Schulleitung bereit mitzumachen. 

Die Diskriminierungserfahrungen von Muslimen in Deutschland, kritisiert Nina Käsehage, seien lange Zeit nicht ernstgenommen worden. Ob junge Muslime mit deutscher Staatsangehörigkeit oder Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, sie alle sagten in den Interviews: Die Mehrheitsgesellschaft sei zwar freundlich zu ihnen, aber sie blieben immer Außenstehende. Regelmäßig werde ihnen unterstellt, dass Religion ihre Einstellungen und Handlungen präge. Oder wie das Mädchen in dem Video sagt: „Es nervt mich total, wenn ich als Muslimin ständig mit Extremisten gleichgestellt werde und Menschen meinen, ich hätte keinen Respekt vor Nicht-Muslimen. Und mir wird gesagt, dass ich als Muslimin sowieso unterdrückt werde und zwangsverheiratet und so.“

Was man in dieser festgefahrenen Lage tun kann? Einige Rezepte dafür haben die Forscherinnen nicht mitgebracht, sondern an der Schule selbst gefunden.
Schulleiterin Elke Helma Rothämel betone nicht die Unterschiede in Herkunft und Religion, lobt Käsehage. Stattdessen vermittele sie jene Errungenschaften, von
denen alle in Deutschland pro€tieren: die Demokratie, den Rechtsstaat, die Menschenrechte. Die islamische Religionslehrerin Elanur Gül hat mit den Schülern ein Quiz gemacht: Sie sollten Zitate aus den heiligen Schriften
der passenden Religion zuordnen. Bei vielen Gedanken, mit denen sich die muslimischen Schüler identi€zieren konnten, gab es einen Überraschungseffekt: Sie stammten gar nicht aus dem Koran, sondern aus der Tora oder Bibel.

Was das direkte Gespräch über den Nahostkonikt betri}t, so möchten die Expertinnen einen Beitrag zur Versachlichung leisten: „Die Politik Israels als „Apartheid“ und „Besatzung“ zu bezeichnen ist ebenso falsch wie alle Palästinenser als Terror-Sympathisanten zu brandmarken.“ Stattdessen sei es wichtig, um die Vielfalt in beiden Gesellschaften zu wissen: Ebenso wie Israelis gegen Netanjahu protestieren, gab es auch mutige Anti-Hamas-Demonstrationen in Gaza. „Wir wollen nicht Leuten, die Verluste erlitten haben, vorschreiben, was sie zu fühlen haben“, sagt Nina Käsehage. Gefühle, erklärt sie den Schülern und Lehrern, werden erst dann zu rhetorischen Waffen,wenn man sie gegen andere einsetzt. Deshalb sei es wichtig, mit den Schülern in der Schule über ihre individuellen Gefühle hierzu ins Gespräch zu kommen ‑ und zugleich Fake-News und Hasskommentaren gegenüber einer der beiden betroffenen Gruppen beherzt und sachbezogen entgegenzutreten.

Anne Beelte-Altwig, Rundblick Niedersachsen #003

rundblick-niedersachsen.de

Mehr Informationen zum Projekt GKiK

  • Mehr Informationen zum Projekt GKiK - Der globale Konflikt im Klassenzimmer - Antisemitismus trifft auf antimuslimischen Rassismus finden Sie hier.
  • Mehr Informationen zum Haus der Religionen in Hannover finden Sie hier.
  • Mehr Informationen zur Evangelischen IGS Wunstorf finden Sie hier.