Im Oktober haben einige Apfelsorten Saison und noch ein paar Birnen. Es ist die Zeit, in der Zuckerrüben geerntet werden und Kürbisse gelb-orange an Marktständen leuchten. Obst und Gemüse, auch die Feldfrüchte, die wir vorher im Jahr schon geerntet haben, alles wird - mit Schwankungen, je nach Wetter - in unseren Breitengraden zu einer bestimmten Zeit reif. Das ist gut so. Denn es ist gut, sich freuen zu können: darauf, dass die Herbstäpfel reif werden, darauf, den Rübenroder zu fahren, auf die Kürbissuppe, die die Freundin immer kocht. Es ist gut, das alles dann zu genießen, wenn es so weit ist. Die Tatsache, dass diese Zeit auch einmal zu Ende geht, macht sie umso wertvoller.
Jedoch merken wir beim Obst und Gemüse, beim Korn und dem Wein die Saison immer weniger. Wenn in Deutschland gerade nicht geerntet werden kann, dann eben anderswo. Weltweit gibt es zu jeder Jahreszeit einen Ort für jede Frucht. Und da woanders meistens die Erzeugung viel günstiger ist als in Deutschland, fällt die Entfernung nicht einmal preislich ins Gewicht, oft im Gegenteil.
Wo bleiben dann aber die Vorfreude, der wertschätzende Genuss, das Erleben der Zeiten und Rhythmen der Natur und die Einsicht, dass eben nicht alles immer selbstverständlich zur Verfügung steht?
Alles scheint jederzeit verfügbar zu sein, auch in anderen Lebensbezügen. Im Winter ist es grau und nass in Deutschland - macht nichts, dann fliegt man eben woanders hin. Man ist müde und abgespannt – aber die Arbeit im Betrieb muss laufen, es gibt doch entsprechende Pillen. Eigentlich fühlt man sich gerade richtig gut und könnte auf dem Tisch tanzen – kann man nicht tun, was sollen die Leute denken. Da, schon wieder neue Falten im Gesicht – dann muss eben wieder ein Termin zum Spritzen gemacht werden.
Wie lebt ein Mensch, der den Rhythmus der Zeiten, von Erwartung und Erfüllung, auch in seinem Leben nicht zulassen will? Wie kommt einer klar, der ignoriert, was gerade ist, und auch den wunderbaren Moment nicht auskostet?
Es gibt für alles eine Zeit, sagt der Prediger in der Bibel. Nichts ist immer dran, aber alles darf mal dran sein, müde sein genauso wie tanzen, geboren werden und sterben und jedes Alter des Lebens. Weinen und klagen darf sein, genauso wie lachen und lieben. Alles darf mal dran sein. Alles hat seine Zeit (Prediger Salomo, Kap. 3, Verse 1 - 8). Alles darf mal dran sein.
Kompliziert wird es erst dann, wenn alles immer sein soll. Kompliziert und unehrlich. Vor mir selbst und vor den anderen. Und das, was menschliches Leben ausmacht, geht verloren: der Wechsel der Gefühle, die Vorfreude auf Schönes, die Hingabe in den Moment, von dem man möglicherweise weiß, dass er einmal wieder vorbei sein wird. Alles hat seine Zeit – wie reich und wertvoll ist dann das Leben!
Die Freude fängt beim Genuss von Äpfeln und Birnen, beim Roden auf dem Rübenfeld und beim Leuchten der Kürbisse an. Denn jetzt ist die Zeit dafür.
Cornelia Möller