Hannover. Rechtsgerichtete Christen in den USA gehören aus Sicht des Fernsehjournalisten und Buchautors Arnd Henze zu den wichtigsten Unterstützern von US-Präsident Donald Trump. Obwohl sich Trump im Gegensatz etwa zu den sittenstrengen Evangelikalen und anderen Gruppen nicht als moralischer Mensch inszeniere, hätten diese beiden unterschiedlichen Akteure in der Politik zusammengefunden, sagte Henze am Donnerstagabend beim evangelischen Hanns-Lilje-Forum in Hannover: „Es ist ein Zweckbündnis, das sich zu einem Liebesbündnis entwickelt hat.“
In der vollbesetzten Marktkirche stellte Henze vor rund 500 Besucherinnen und Besuchern sein neues Buch „Mit Gott gegen die Demokratie“ vor, in dem er die Wechselwirkungen zwischen Trump, seiner Bewegung „Make America Great Again“ („Macht Amerika wieder groß“, Maga) und der religiösen Rechten in den USA analysiert. Danach erschien Trump den rechtskonservativen Christen zunächst als das geringere Übel gegenüber anderen, sagte der WDR-Journalist.
Präsident wird biblisch überhöht
Später hätten die Christen den Präsidenten religiös und biblisch als Befreier von Wokeness und Gender-Ideologie überhöht: nach dem Vorbild des Perserkönigs Kyros, der das Volk Israel in der Antike aus der babylonischen Gefangenschaft befreite. Trump selbst habe sich nach einem jahrzehntelangen Machtverlust der religiösen Rechten durch Schübe von Säkularisierung und Liberalisierung schließlich als Retter und Rächer inszeniert und den Rechtskonservativen als erstes drei erzreaktionäre Richter am obersten Gerichtshof geschenkt.
Heute sei die konservativ-christlich befeuerte Maga-Bewegung eine Mischung aus Macht, Religion, Personenkult und viel Kommerz, erläuterte der studierte evangelische Theologe Henze, der auch der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angehört. Trumps Rede von der angeblich „gestohlenen Wahl“ 2020 habe sich dort fast zu einer Art Glaubensartikel entwickelt, den ihre Anhänger gleich mitglauben müssten.
Hoffnung mache ihm, dass gegenwärtig die amerikanische Zivilgesellschaft und unter dem Leitbegriff der Nachbarschaft eine Gegenerzählung zum Narrativ von Hass und Spaltung entwickele. „Es findet die Wiederentdeckung des Nahbereichs statt, und zwar völlig ideologiefrei“, sagte Henze, der in den USA studiert und später oft von dort berichtet hat. Selbst Trump-Wähler wendeten sich gegen Maßnahmen der US-Einwanderungsbehörde ICE und nähmen Migranten vor Ort in Schutz.
Das Leitmotiv laute dabei: „Es gibt Dinge, die es in unserer Nachbarschaft nicht geben darf. Der Nachbar ist zu schützen.“ Henze rief die Christen in Deutschland auf, ebenfalls mit anderen Gruppen der Gesellschaft wie Sportvereinen oder der Feuerwehr zusammenarbeiten: „Bringt Euch ein, entdeckt das Netzwerk der Zivilgesellschaft.“
Der Kirchen- und Verfassungsrechtler Christoph Goos sagte, in Deutschland sei die Verbindung von rechtskonservativen Christen und äußerst rechter Politik noch nicht so stark wie in den USA. „Aber es ist nicht so, dass wir da nicht anfällig wären“, betonte der Jura-Professor, der unter anderem an der Hochschule Harz in Sachsen-Anhalt gelehrt hat: „In jedem Kirchenchor und in jedem Gottesdienst sitzen da AfD-Anhänger.“ Goos ist aktuell Juristischer Vizepräsident des evangelisch-lutherischen Landeskirchenamtes in Hannover.
Bischöfin: Zuhören über Gräben hinweg
Die US-amerikanische Bischöfin Shelly Bryan Wee rief dazu auf, das Gespräch über ideologische Gräben hinweg zu suchen. „Wir müssen uns gegenseitig zuhören, wir müssen uns umeinander kümmern“, sagte sie in der Debatte. Wee war aus Seattle in den USA live zugeschaltet. Sie spreche in ihrer Gemeinde mit allen Menschen, betonte sie: „Ich liebe die Menschen, die Gott mir gegeben hat.“
Zugleich wandte sie sich dagegen, sich einzelne Stellen aus der Bibel für die eigenen ideologischen Zwecke herauszupicken. „Lest die ganze Bibel“, betonte sie. Die Bibel sei ein heiliges Buch, weil sie von Jesus erzähle, aber nicht wegen ihrer Buchstaben. Wee ist Bischöfin im Nordwesten der Evangelical Lutheran Church in America.
Michael Grau (epd)