Von Aschermittwoch bis Karsamstag dauert die Fastenzeit. Traditionell heißt das: weniger und bewusster essen, kein Fleisch, einmal in der Woche Fisch und auch kein Alkohol. Aber beim Fasten gab und gibt es neben der körperlichen auch die andere Seite, die spirituelle. Konzentration auf das Wesentliche im Leben und damit auf Sinn, Orientierung und Beziehungen: Wie will ich leben? Wer ist für mich von Bedeutung in meinem Leben? Was will ich erreichen? Um diese zweite Seite des Fastens nach vorne zu stellen, gibt es jedes Jahr auch in den evangelischen Kirchen eine Fastenaktion: „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte“. Spontan fand ich, dass das diesjährige Motto Sinn macht in einer Zeit, in der Härte, Männlichkeit, Deals und Kriege ohne ein Ende an der Tagesordnung sind.

„Mit Gefühl“ - da scheint das Bild des jungen Mannes auf dem geblümten Sessel mit der kleinen Katze auf der Lehne zu passen, das einen Kontrast zu aller Härte und Gewalt. Der Mann wirkt entspannt und offen. Kein Machotyp. Ohne Härte eben. Barmherzigkeit braucht die Welt vieler Kriege oder von ICE, der oft brutalen, jenseits der Gesetze arbeitenden Polizei- und Einwanderungsbehörde. Hass und Hetze im Netz. Gewalt, auch gegen die Natur.
„Du, lass Dich nicht verhärten in dieser harten Zeit“, ein Lied schon aus den Sechzigern von Wolf Biermann ist heute so aktuell wie vor 60 Jahren. Es geht darum, aufzupassen und nicht zu verhärten angesichts der gegenwärtigen Situation mit ihren multiplen Krisen. Es bewegt sich wenig, dabei müsste sich viel ändern in der Gesellschaft ebenso wie in der Kirche. Nicht verhärten angesichts scheinbarer Ausweglosigkeiten, angeblich fehlender Handlungsoptionen und mangelnder Bereitschaft zur Veränderung. Wir drohen auch in den Kirchen zu verhärten durch den harten Sparkurs, den wir fahren müssen. Es kann doch nicht sein, - und dies gilt nicht nur für die Kirchen, - dass Mitgefühl, Empathie und die Unterstützung und Beratung, Integrationskurse und vieles mehr weggespart werden. So wird auch Härte ausgeübt.
Aber kann man auf Härte auch nur sieben Wochen generell verzichten? Niemanden kündigen, selbst bei nachgewiesenen Verfehlungen nicht? Populisten und Extremisten das (mediale) Feld überlassen und nicht dagegen angehen? Nicht protestieren gegen Ungerechtigkeit? Keine schlechten Noten vergeben? Der Verzicht auf Härte geht nicht immer und überall. Mit Gefühl zu argumentieren, wo immer es möglich ist, ist dennoch unverzichtbar, auch um die Menschlichkeit zu stärken. Wie kann Barmherzigkeit, Solidarität und Zuwendung aussehen, und wie der Kreislauf von Gewalt, Hass und Hetze unterbrochen werden? „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte“ kann zum Nachdenken und hoffentlich zu einem anderen Umgang und Handeln bringen. Wirkliche Veränderungen brauchen ein alternatives Handeln mit Gefühl, Barmherzigkeit, Kreativität und viel Geduld, aber auf dem Weg zeigt sich auch manche Härte.
An der Bergpredigt festhalten grundsätzlich und besonders in den Tagen, in denen die permanenten Konflikte im Nahen Osten wieder in einen Krieg gemündet sind: „Selig sind die Sanftmütigen, denn ihnen gehört die Erde.“ Es ist meine Hoffnung, dass es so kommt. Bis dahin aber nicht entspannt mit einer niedlichen Katze im geblümten Sessel sitzenbleiben wie der junge Mann auf dem Cover der Fastenaktion, sondern immer wieder aufstehen, in Bewegung kommen und bleiben gegen die mächtigen Härten dieser Welt. Mit Gefühl ein anderes Denken und Handeln wagen.